25.04.2020 14:56

Mokélé-Mbembé, Saurier-Drache oder Proteus?

Mokélé-Mbembé, Saurier-Drache oder Proteus?

Michel Meurger / Frankreich

 «Der Mensch ist dem Drachen gegenüber gestanden: er kennt ihn aus Erfahrung.»

 

                                                                                              Heimito von Doderer  (1959)

Was ist eigentlich das Mokélé-Mbembé?

Noch  2020 lässt sich diese Frage schwer beantworten. Von 1980 bis 2000 wurden etwa 20 Forschungsreisen nach Mittelafrika auf der Suche nach diesem rätselhaften Wesen organisiert.

Kein einziger materieller Beweis für die Existenz des vermutlichen Kryptiden ist aber von dorther mitgebracht worden.

Nach dem Paleozoologen Darren Naish sollen sich die Forscher in Wirklichkeit das gesuchte Objekt ganz und gar eingebildet haben:  «They have indulged in speculative 'creature building' » (1).

Die Untersuchung der Belegstücke scheint Naish Recht zu geben.

In der Tat stellt sich heraus, dass ursprünglich die Einheimischen das hiesige Mokélé-Mbembé nicht nach der Art emfunden hätten, wie die westliche Wissenschaft es erfasst, nämlich als ein einzelnes und gut definiertes Tier mit einem scharf umrissenen Körper.

Sie hätten es vielmehr als eine Entität wahrgenommen. Eine von deren Formen wäre eine unscharfe langhalsige, manchmal mit einem langen Schwanz versehene Gestalt. Doch die morphologischen Details, Glieder, Schädelornamente scheinen recht veränderlich gewesen zu sein.

Der erste Europäer, der Informationen zu dem Mokélé-Mbembé gesammelt hat, ist Ludwig Freiherr von Stein zu Lausnitz (1868-1934). Schon in seinem von Wilhelm Bölsche 1929 veröffentlichten Bericht erwähnt er solche schwankende Beschreibungen: «Es soll einen  langen, beweglichen Hals und einen einzigen sehr langen Zahn, der aber auch als Horn beschrieben wurde, besitzen» (2).

Nun, so ein  «sehr langer Zahn» - offensichtlich ein Stoßzahn – weist auf die vielen afrikanischen Traditionen über heimische, mit Stoßzähnen versehene Ungeheuer hin (3). Außerdem schildert von Stein die Beine des Wesens nicht. Deswegen könnte das Mokélé-Mbembé des Leiters der Deutschen Likuala-Kongo Expedition von 1913-1914 auch aussehen wie eine Riesenschlangenart.

Hier ist es angebracht zu bemerken, dass der französische Sprachforscher Pierre Alexandre das Mokélé-Mbembé durch «Wasserschlange» übersetzt hat (4). Hinzu kommt, dass 2007 einer der afrikanischen Berichterstatter von dem Kryptozoologen Michel Ballot das begegnete Mokélé-Mbembé bloß als «eine sehr dicke Schlange» beschrieben hat (5).

Dennoch ist nach 1929 - wenn man sich auf die europäischen Theoretiker des Wesens verlassen will – von dem «sehr langen Zahn» nicht mehr die Rede. Dafür haben die Schriftsteller das «Horn» des Mokélé-Mbembé hervorgehoben, was ihnen erlaubt hat, das spekulative Tier mit den Schrecksauriern – genauer gesagt mit den Hornsauriern (Ceratopsiden) – gleichzusetzen.

Diesen Weg hat der deutsch-amerikanische Popularisator Willy Ley (1906-1969) eingeschlagen.

Durch seine Übertragung von Steins Text ins Englische macht Ley den Amerikanern das Mokélé-Mbembé bekannt. Sein Buch The Lungfish and the Unicorn  (1941) vereint die verschiedenen Elemente, die Bölsche vereinzelt geliefert hatte.

Durch die paleozoologische Interpretation einer künstlerischen Darstellung verbindet Willy Ley das Bild des «kongolesischen Drachen» mit den Schrecksauriern.

Auf dem Ischtar-Tor in Babylon wurde ein merkwürdiger Vierfüßler mit den Vorderbeinen einer Katzenart und den Hinterbeinen eines Raubvogels dargestellt. Ein Borstenkamm befindet sich auf dem Rücken dieses vielförmigen Ungeheuers, das mit einem Schlangenschwanz und -hals versehen war. Auf seiner Schnauze hatte der Künstler ein gerades Horn gestellt.

Nach dem Entdecker des Ischtar-Tors, dem deutschen Archäeologen Robert Koldewey (1855-1925), wurde für den «Drachen von Babylon», den Sirrush, ein wirkliches Tier zum Vorbild genommen, nämlich ein überlebender Schrecksaurier, der den alten Babylonern vertraut war.

In seinem Buch Das Ischtar-Tor in Babylon (1918) schrieb Koldewey «Der Iguanodon aus der Belgischen Kreide ist der nächste Verwandte des Drachens von Babylon».

Willy Ley ging in der selben Richtung weiter: Das Sirrush würde tatsächlich einen Schrecksaurier mit «Vogelbeinen» darstellen, der in Mittelafrika überleben würde und von dem die Babyloner gehört hätten (6).

Auf diese Weise überdeckte das Bild des überlebenden Schrecksauriers, das die Europäer vermittelt hatten, die afrikanischen Definitionen des Mokélé-Mbembé. Deshalb bekam 1980 Roy P. Mackal (1925-2013), der erste Kryptozoologe, der eine Feldforschung zu diesem Thema gemacht hatte, einen Schock, als er an Ort und Stelle mit der  Pluralität der afrikanischen Schilderungen des Mokélé-Mbembé konfrontiert wurde.

Zum Beispiel schrieb eine Dorfbewohnerin bei ihrer Schilderung dem seltsamen erblickten Wesen nicht das klassische Horn zu, sondern einen Kamm, der einem «Hahnenkamm» ähnlich gewesen sei (7).

Bemerkenswert sind in diesem Fall  - außer dem Hinweis auf den reptilartigen Basilisk - die Ähnlichkeiten dieses mit einem Kamm versehenen Mokélé-Mbembé mit einem anderen kongolesischen Wasserungeheuer, nämlich mit einer großen Schlange, die mit einem «roten Kamm» ausgestattet sei (8).

Je größer die Anzahl an Zeugen wird, umso mehr zersplittert die körperliche Einzigkeit des vermutlichen Kryptiden, um einer viel zu großen morphologishcen Vielfältigkeit zu weichen.

Als Mackal einer heimischen Zeugin eine Reihe von tierischen Darstellungen vorstellt, zeigt diese breit lächelnd auf die Abbildung von einem Stegosaurus. Da fragt sich der verblüffte Amerikaner, ob er nicht in der «Lost World» gelandet sei (9). Zum Glück wird er durch andere Berichte über das «Tier mit auf dem Rücken wachsenden Brettern» wieder beruhigt, die ihn dann dazu bringen, die Realität von diesem unwahrscheinlichen Wasserstegosaurus und dem von Mokélé-Mbembé- Schrecksaurier zugleich zu erkennen.

Doch weitere Berichterstatter geben neue Beschreibungen von seltsamen Tieren ab. Immer mehr unterschiedliche Ungeheuer gibt es und der Forscher nimmt sie alle wider Erwartens in Kauf. So nimmt er in sein problematisches Tierhaus einen  «Schlange-Schrecksaurier» mit langem Kamm und auch so etwas wie ein gehörntes Mokélé-Mbembé auf. Drei neue Schrecksaurier nehmen also Platz in dieser Rumpelkammer von euroafrikanischem Synkretismus.

Bestimmt war  Mackal die Gestaltsfähigkit von dem Mokélé-Mbembé, einer formlosen Entität, die verschiedene Merkmale zu kriegen und sich unter vielfachen Namen zu verwandeln vermochte, nicht bewusst.

Letzter Pinselstrich am seltsamen Gemälde!

2008 berichtet ein Beobachter Michel Ballot von einem Mokélé-Mbembé, dessen Rücken und Schwanz sich mit einer ganzen Reihe von Hörnern schmücken würde (10).

Das letzte Wort hat dieser Zauberer vom Télé-See, dem angeblichen Schlumpfwinkel des Ungeheuers. Er hat zahllose, sehr unterschiedliche Berichte zum Mokélé-Mbembé gesammelt und sie alle akzeptiert, denn für ihn soll die Entität eine mächtige Gottheit sei, die immer wieder neue Formen annehmen würde (11).

Wâhrend die Afrikaner das Mokélé-Mbembé als Proteus betrachten, halten es die Europäer und Amerikaner für den Drachen-Schrecksaurier aus den verlorenen Zeiten.

Quellen :

  1. Darren Naish  Hunting Monsters. Cryptozoology and the Reality behind the Myths, London: Sirius Publishing, 2017, p.273.
  1. Wilhelm Bölsche, Drachen, Sage und Menschheit, Stuttgart: Kosmos, 1929, p.50-51.
  1. Bernard Heuvelmans, Les Derniers Dragons d'Afrique, Paris: Plon,1978, p.262 , siehe das «Dilaï», ein anderes kamerunisches Ungeheuer mit Stoßzähnen, die aussehen wie die bei dem Walross.
  1. Bernard Heuvelmans, Dragons, p.260.
  1. Michel Ballot, «Auf der Spur des Mokélé-Mbembé», in Der Kryptozoologie Report, Nr.6, II, 2008, p.8.
  1. Ich benutze die vermehrte Ausgabe von Leys Buch, das unter einem neuen Titel erschienen ist: The Lungfish, the Dodo and the Unicorn, New-York: The Viking Press, 1948, p.156-170.
  1. Roy P. Mackal,  A Living Dinosaur? In Search of Mokele-Mbembé, Leiden: E.J.Brill, 1987, p.77.
  1. Bernard Heuvelmans, Dragons, p.66.
  1.  R. P. Mackal, Dinosaur, p.84.
  1.  Michel Ballot, «Auf der Spur», p.11.
  1.  R.Nugent, Drums along the Congo: On the trail of Mokéké-Mbembé, Boston: Houghton-Mifflin, 1993, p. 163-164.

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